»Der Unterschied ist die Weltanschauung«
Aus: Kinder, Beilage der jW vom 29.05.2019 Sozialistische Kinderorganisation

Von Alexander Reich

Die »Roten Gespenster« haben klein angefangen, ihr Anspruch ist groß genug: »sozialistische Kinderorganisation in Berlin und Brandenburg«. Auf die Idee kam eine Handvoll Genossen beim »Festival der Jugend« in Köln vor zwei Jahren. Wie man den Klassenstandpunkt an Jugendliche heranbringt, wurde da überlegt. Es ging um den Film »Kuhle Wampe« und um die »Roten Peperoni« in Süddeutschland (siehe Interview Seite 3).

Es gab dann viele »kleinbürgerliche Vorstellungen«, sagt Mario (47): »Brauchen wir einen Verein? Muss der gemeinnützig sein? Aber man muss es einfach machen, und an dem Punkt sind wir gerade.« Ein Dutzend Leute, die Hälfte bildet den harten Kern, jeder nach seinen Fähigkeiten: Der eine kümmert sich um das Geld, der andere um die Website, drei haben eine pädagogische Ausbildung.

Die erste größere Veranstaltung der Gespenster war ein »Ostertreffen« Mitte April. Mit Lagerfeuer, Nachtwanderung und allem, was sonst so dazugehört. Am liebsten wären sie in eines der ehemaligen Pionierlager in Brandenburg gefahren. Die Anlagen gibt es noch, das Übernachten dort ist aber ziemlich teuer, deshalb verabredeten sich die Gespenster zum Zelten auf dem Gelände der »Bude« in Berlin-Köpenick. Wenige Stunden vor Ankunft der Kinder am Morgen des 13. April wurde das einzige feste Haus auf diesem Gelände niedergebrannt. Die Gespenster beschlossen an jenem Sonnabend neben den verkohlten Resten, ihr Ostertreffen durchzuziehen, trotz des Brandanschlags und kurzfristiger Absagen wegen des schlechten Wetters. Mit einem knappen Dutzend Kinder, das kleinste sieben, die meisten zwischen zehn und elf Jahre alt, ging es ins FEZ, ursprünglich »Pionierpark und Pionierpalast Ernst Thälmann«, dann in ein Ausweichquartier im Land Brandenburg.

»Auf einer Wanderung wurden Quizfragen beantwortet«, sagt Susan (52): »Welches Land führt keinen Krieg – USA, Deutschland, Frankreich oder Kuba? Oder: Welches Zeichen ist kein Friedenszeichen – Tulpe, Papierkranich, gebrochenes Gewehr, Nelke oder Friedenstaube?« Oder die Kinder sollten »einfach mal sagen«, warum Leute aus anderen Ländern ihrer Meinung nach hierher flüchten. »Die Stichpunkte kamen alle.«

Bei Spielen der Gespenster, erklärt sie, »müssen die Kinder immer miteinander überlegen, wie sie das Ziel erreichen, nicht gegeneinander«. In Brandenburg standen alle dicht an dicht auf einer Plane, die sie umdrehen sollten, ohne dass jemand runterflog. Das hat gedauert, war ja auch kompliziert, aber »gerade dieses Gemeinschaftliche macht unheimlich Spaß«, so Susan. Am Lagerfeuer schließlich waren alle endgültig »aufgetaut«, meint Mario, der Gitarre spielte. Bei der »Kleinen weißen Friedenstaube« sei die Textsicherheit sehr hoch gewesen. »›Der kleine Trompeter‹ saß auch ganz gut.« In der Tradition von SDAJ-Delegationen bei Weltfestspielen wurde ein Lied auf »Guantanamera« gedichtet: »Rote Gespenster, wir sind die roten Gespenster …« Der »Renner« aber, sagt Mario, war ein Lied aus seiner Kinderzeit: »Der Boss kommt groß heraus / Dem Boss gehört das Haus / Dem Boss gehört der Acker / Der Kran und auch der Bagger / Und alles, was da ist – / So’n Mist!« – »Baggerführer Willibald« von Dieter Süverkrüp aus dem Jahr 1970, aber in Sachen Mieterkämpfe »hochgradig aktuell«.

Mario ist in Hannover aufgewachsen, war dort Mitglied der »Jungen Pioniere«. Er hat vor Schulen Unterschriften für den »Krefelder Appell« der Friedensbewegung gesammelt. Ins Sommerferienlager ist er in die DDR gefahren, zwei Wochen »für umme oder für 20 Mark«.

Susan sagt über ihre Kindheitsjahre in Berlin-Pankow: »Man musste sich keine Sorgen machen, keine Angst haben um irgendwas. Das einzige, was ein bisschen lästig war: Wenn wir bei Staatsbesuchen ewig an der Straße warten mussten.«

Es geht bei den Gespenstern auch um solche Erzählungen, aber nicht um Nostalgie. »Die Kinder kriegen ja überall mit, dass es nicht funktioniert, in der Schule, in den Familien«, sagt Susan. »Irgendwas ist doch faul. Aber was? Und warum ist es faul? Gibt es Alternativen? Das sind Fragen, die wir mit den Kindern besprechen, und wir versuchen, Antworten zu finden. Dadurch entsteht Klarheit und Kampfgeist und der Wille, sich dafür einzubringen.«

»Sich mutig verhalten, das Maul aufmachen – das wird dir in der Schule nicht beigebracht«, meint Mario. »Auch mal dem Lehrer widersprechen, oder die Frage stellen: Wem nutzt das? Seit meiner Kindheit ist der Mainstream geprägt von: Darf ich das überhaupt? Ist das nicht verboten? Das geht doch nicht! Das sind Illusionen, das ist unrealistisch! Da ist kein Platz für Zukunft, für Phantasie, für andere Denkweisen. Wenn Kinder jetzt anfangen, von sich aus zu sagen: Ich will bei Kundgebungen protestieren für das, was in der Zukunft für mich wichtig sein könnte, heißt es sofort: Moment mal! In der Schulzeit geht das, wenn überhaupt, nur mit Erlaubnis der Eltern. Das genau macht diesen Staat und seine Einrichtungen aus. ›Fridays for Future‹ ist ein erster positiver Ansatz.«

In Sachen Umwelt, Gemeinschaft, Frieden sieht Mario »Schnittmengen« mit Organisationen wie der Naturfreundejugend«. Der Unterschied liegt in der Weltanschauung. Unsere Werte stammen aus der Arbeiterbewegung, der höchste ist die Solidarität. Daraus ergibt sich ein besonderer Zusammenhalt.«

Kinder sollen bei den Gespenstern »Halt finden« können, sagt Susan. »Das Miteinander entwickeln wir gemeinsam. Besondere Regeln braucht man nicht, wenn man solidarisch miteinander umgeht. Und darum geht es. Kinder begreifen das sehr gut, so dass sie sich von alleine dran halten«. Im Zweifel böte das kiloschwere »Handbuch des Pionierleiters« Orientierung – »unser Leitfaden, immer situativ«.

Als nächstes werden die Gespenster ein Sommercamp machen, Ende Juli im Norden von Berlin. »Wir sind keine Dienstleister«, sagt Mario, »kein kommerzielles Angebot, sondern wir wollen etwas aufbauen und das schafft man nur zusammen. Da muss halt jeder mitmachen, das ist der Unterschied zum Konsum.«

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